Warum es manchmal nicht einfach ist, beim Malen Entscheidungen zu treffen

Immer diese Entscheidungen...scheint doch manchmal gefühlt unser Leben davon abzuhängen, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Kaufe ich die rote Bluse oder besser die weiße, weil diese zeitlos ist? Gönne ich mir jetzt ein Stück Kuchen (auch wenn das wirklich unvernünftig wäre, denn ich hatte ja schon zwei) Auch bei triftigen Entscheidungen kann ich mich lange quälen zB der Job-Wahl (und davon hängt wirklich manchmal ab, wie gut ich lebe).

Und in der Kunst? Egal ob Hobby oder Beruf, wir leben in einer Zeit in der viele Menschen hierzulande wirklich unzählige Möglichkeiten haben zu wählen, wie sie ihr Leben gestalten möchten. Kreativität und Sinnfindung gehört für viele häufig dazu und nimmt besonders in späteren Lebensphasen sehr viel Raum ein.

Wenn ich alle Möglichkeiten habe, fällt die Entscheidung manchmal umso schwerer. Das wird mir häufig von meinen Teilnehmer/innen bestätigt.

Das fängt schon mit dem immer größer werdenden Angebot an Künstlermaterialien an. Täglich werden es mehr. Ich gestehe, auch ich möchte diese Dinge manchmal einfach besitzen und meine, ich brauche noch dieses oder jenes um endlich richtig professionell loslegen zu können. Aber welches Material ist nun das richtige für mich? Welches passt zu mir? Welche Pinselsorte ist für mich geeignet? Welche Konsistenz der Acrylfarbe oder möchte ich doch lieber Öl malen?

Foto © Elke Knipp

Weiter geht es beim Malen selbst. Woher weiß ich, welcher Schritt der nächste ist? Für welche der vielen Möglichkeiten ich mich entscheiden sollte? Welchen Farbton? Welches Malwerkzeug? Fragen über Fragen...

Scheint doch das Gelingen des Bildes von dieser einen Entscheidung abzuhängen.

Natürlich können wir Fachbücher über den richtigen Bildaufbau lesen. Wir können Malvideos ansehen, Vorführungen besuchen, Museen oder Ausstellungen erleben, uns theoretisch mit Kunst befassen. All das ist gut. Und ich freue mich wirklich über jede/jeden Besucher meiner Seite oder der Malvorführungen, jeden Leser meiner Bücher. Aber wichtiger ist, dass Ihr es selber tut. Eure Möglichkeiten testet. Ganz eigene Materialerfahrungen macht. Dann wird die Sache nicht mehr so absolut. Es ist eher ein Suchen und Finden. Da dürfen auch schon mal Fehlversuche dabei sein. Es gibt nicht nur DIE eine Möglichkeit weiter zu kommen. Die eine ist manchmal so gut wie die andere 🙂

Denn es ist ganz einfach: Durch ausprobieren beantworte ich mir viele dieser Fragen selbst. Und das kannst Du auch. Wenn etwas nachhaltig ist, dann das Lernen durch eigene Erfahrungen, den Erfahrungsschatz erweitern durch eigenes Tun. Und am meisten lernst Du, wenn Du eine Sache so richtig „verbockt“ hast. Das wirst Du Dein Leben nicht mehr vergessen. Und das nächste Mal anders entscheiden. Weiterentwicklung erreichst Du nur durch Verlassen der "Komfortzone", also wenn Du neue Wege gehst.

Interessant ist die Feststellung, dass die vermeintlich missglückten Bilder, also die, die wir als verloren erachten plötzlich zu mehr Freiheit einladen. Weil da ist ja eh schon alles egal. Da kann ja nix mehr schief gehen, da kann ich ja mal ganz wilde Geschichten ausprobieren. Vielleicht kennst Du das.

Und dann gibt es die Bilder, die in unseren Augen ganz gut gelungen sind. Vielleicht fehlt noch einen Kleinigkeit. Aber was? Plötzlich kommt da eine Idee. Aber die Angst etwas zu versauen wird plötzlich ganz groß. Wir sind angespannt. Unlocker. Da hilft nur eins: Atme tief durch und los!!

Häufig beobachte ich auch, dass manchmal versucht wird, die Entscheidung zu umgehen. Hast Du auch schon mal um eine besondere Stelle im Bild herum gemalt, weil Du die Entscheidung, wie es damit weiter geht noch nicht fällen wolltest? Es nützt aber nichts so etwas hinauszuzögern, denn Dein Bild besteht ja nicht aus lauter Einzelteilen, sondern muss auch als großes Ganzes funktionieren. Das Festhalten an einzelnen Stellen bringt Dich da nicht weiter.

Und wer alles so ganz erst nimmt dem möchte ich sagen: Es ist nur ein Bild, eine Leinwand, ein Blatt Papier. Davon hängt nicht unser Leben ab. (Naja für mich als hauptberufliche Künstlerin ein kleines Bisschen mehr)

Aber wir haben das Glück all das aus Freude zu tun. Das ist doch toll oder?

Viel Freude bei allen Experimenten, lasst Farbe fließen,

Angelika

 

Kommentar von Traveller |

Entscheidungen zu treffen wird - haben Studien festgestellt - umso schwerer, je mehr Möglichkeiten wir haben. Wenn im Regal 3 Sorten Marmelade stehen, geht es ratzfatz. Stehen dort 30, zögern wir (und kaufen vielleicht gar keine mehr).
Beim Malen geht es mir oft ähnlich. Ich habe so viele Möglichkeiten: ganz unterschiedliche Techniken, ganz viele Motive. Was will ich angehen? Wenn ich mich nicht entscheiden kann, dann mache ich gar nichts, die Zeit fließt vorbei und hinterher bin ich enttäuscht, dass ich nichts gemacht habe.
Inzwischen habe ich gelernt, mich zu beschränken, zu konzentrieren. Ich setze mir einen Rahmen, in dem ich mich bewegen will - das hilft.
Und ja, man muss auch mal etwas wagen. Einen Pinselstrich, der ein Bild voranbringen oder auch zerstören kann. Oder ganze Bereiche in einem Bild wieder auszulöschen, um etwas Neues zu schaffen.
Anfangs kostet das große Überwindung , aber mit jedem neuen Mal wird es leichter - und tut richtig gut.

Lieben Gruß
Uta

Antwort von Angelika Biber

Liebe Uta,

danke für Deine sehr treffende und gut nachvollziehbare Beschreibung! Ich denke vielen Kunstschaffenden geht es ähnlich. Und wie gut, das Du für Dich herausgefunden hast, wie du besser in den Prozess kommst und Dich selber etwas überlisten kannst ;-). Mein großes Thema war immer meine Ungeduld, nicht warten zu können, schnell weiter zu machen. Manchmal zu schnell. Das hat sich geändert, seitdem ich an mehreren Bildern oder Objekten parallel arbeite. Nun kann ich den Bildern alle Zeit der Welt lassen. Eine genaue "Selbstbeobachtung" kann bei der Weiterentwicklung helfen...

Weiter viel Freude bei allen kreativen Prozessen,

liebe Grüße, Angelika

Kommentar von Hanna Punte |

Ja, das Thema Entscheidungen treffen ist beim Malen ein ganz besonders wichtiges. Obwohl ich nun schon lange male, stelle ich immer wieder fest, daß ich während des Malprozesses an den Punkt komme, an dem es darum geht, meine (mir selbst auferlegten) Grenzen zu überwinden. Das heißt, mich zu trauen, nicht zu lange zu zögern, mich zu entscheiden. Es kommt oft vor, daß ich einen halben Tag an einem Bild "rumdrösele" oder an einer bestimmten Stelle im Bild festhänge und nicht weiterkomme, dann fahre ich ziemlich frustriert vom Atelier nach Hause, bleibe aber in Gedanken bei meinem unfertigen und "schwierigen" Bild. Am anderen Tag will ich weiterarbeiten und beginne sofort mit einigen kühnen, mutigen und zielsicher gesetzten Pinselstrichen und bin danach total erleichtert und froh, daß ich - mal wieder - meine eigenen Grenzen überschritten habe, das ist ein sehr befreiendes Gefühl! Dazu fällt mir ein Spruch von Keith Haring ein: Nichts ist so erfrischend wie ein beherzter Sprung über den eigenen Schatten!

Liebe kreative Grüße Hanna

Antwort von Angelika Biber

Liebe Hanna,

danke für Deinen sehr treffenden Kommentar. Ich kann es gut nachvollziehen, was Du schreibst. Und es hat etwas wirklich etwas mit Grenzen zu tun, Grenzen die wir uns selbst auferlegen und Grenzen, die anerzogen sind. In diesem Punkt Freiheit zu erlangen ist wirklich wunderbar!

Lieben Gruß und weiterhin viel Mut beim "Entscheidungen treffen"

Angelika

Kommentar von Monique |

Liebe Angelika, meine erste Feststellung als ich anfing mit dem Malen war: "ups, das ist ja richtige Charakterbearbeitung!" Gute und lehrreiche Sache folglich. Ich kann deinen Beitrag somit zu 100% bestätigen! Liebe Grüsse Monique

Antwort von Angelika Biber

Liebe Monique, vielen lieben Dank für Deine Rückmeldung! Ja, wir nehmen uns immer selbst mit in das Bild, das wir malen.

Ganz liebe Grüße und frohes Schaffen wünscht dir Angelika

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