Von Regelbrüchen, dem goldenen Schnitt und roten Ampeln

Ok, ich gebe zu, es gibt Regeln, an die ich mich halten sollte. Wie diese Woche, als ich das absolute Halteverbot übersah und mich diese Unachtsamkeit 30 € kostete.

Aber es gibt Regeln, die lohnt es sich zu brechen. Wenn jemand sagt "das musst du so machen", sträubt sich etwas in mir. Nicht umsonst ist Pipi Langstrumpf mein großes Vorbild. Und richtig allergisch reagiere ich darauf, wenn andere Leute mir sagen wollen, welche unnütze Regeln ich befolgen soll. Ich bin ja gerade deswegen freischaffende Künstlerin und Unternehmerin geworden, damit mir nicht jeder reinredet, wie ich was zu machen habe. Immer wieder lese ich in letzter Zeit z.B. über Routinen, insbesondere Morgenroutinen, die sehr im Trend liegen. Für mich ist das nix. Zu viel Routine verschafft mir Beklemmungen und engt mich ein. Mein Tag kann mal so sein und mal anders. Das bedeutet Freiheit für mich. Trotzdem bin ich produktiv und habe eine Struktur. Aber wie die aussieht, entscheide ich, immer wieder aufs Neue. Und jeder Mensch ist anders und hat unterschiedliche Bedürfnisse.

Manchmal wundere ich mich dennoch darüber, dass Menschen sich bereitwillig Regeln unterwerfen, obwohl es gar nicht notwendig wäre. Auch beim Malen. Gehörst du dazu? Bei mir ist das so. Es steckt in mir drin, „schöne“ Bilder malen zu wollen. Die gefallen, aber keinem weh tun.

Warum passiert das? Vielleicht aus Unsicherheit. Oder aus Angst vor Kritik. Vielleicht, damit wir Anhaltspunkte bekommen, um aus den vielen Möglichkeiten, die wir haben eine Auswahl zu treffen, um Entscheidungen fällen zu können. Regeln geben uns Halt (siehe auch Blogartikel Entscheidungen treffen).

Vielleicht haben wir die Vorstellung eines Rezeptes, eines Regelwerks, damit die Bilder, die wir malen, gelingen und vor allem auch gut ankommen.

Ich werde zum Beispiel häufig gefragt, ob es eine Vorgabe gibt, wohin die Signatur gehört. Oder was mit den Bildrändern geschieht. Zur Beantwortung dieser beiden Fragen: Die Signatur ist aus meiner Sicht ein Gestaltungselement, das nicht immer an den gleichen Platz muss, sondern an verschiedenen Stellen im Bild Platz finden kann, je nach dem, wo das Bild sie braucht. Und die Bildränder interessieren mich gar nicht, es sei denn es ist ein Malgrund, der tiefer ist als eine normale Leinwand, wie z.B. ein Casani Kasten, der 9 cm tief ist. Dann arbeite ich um die Ecke.

Eine andere, wie ich finde, sehr starre Regel ist die Anordnung nach dem goldenen Schnitt. Daran kannst du dich halten, musst es aber nicht!Auch so haarsträubende Dinge wie: „Der Schwerpunkt eines Bildes sollte immer rechts oben sein“ klingen nach Regeln, die mich in meinem künstlerischen Ausdruck einengen. Nein!Je nach dem, wie das Bild wirken soll, kann ich mich bewusst für andere Anordnungen entscheiden.

Und da kommen wir an den Punkt: Klar ist es gut, diese Regeln zu kennen. Um sich dann bewusst dagegen zu entscheiden.  Aber das ist dann ganz und gar deine Sache. Vielleicht ist dein Alleinstellungsmerkmal, die Signatur immer genau mittig ins Bild zu setzen? 😉

Kunst war immer innovativ, querdenkend, unerwartet und hat häufig Neues und Wichtiges hervorgebracht. Und zwar immer dann, wenn sich die alten, akademischen Regeln, die auferlegt wurden, als zu eng erwiesen und deswegen gebrochen wurden. Das brachte den Künstlern häufig Kritik ein und sie wurden im schlimmsten Falle sogar verlacht und nicht ernst genommen. Häufig offenbart erst ein Rückblick, wie bahnbrechend diese Regelbrüche waren und wie diese sich auf die nachfolgende Kunst ausgewirkt haben.

In „Was gibt’s zu sehen – 150 Jahre modere Kunst“ beschreibt der Autor Will Gompertz folgendes: „Die Impressionisten waren die radikalste und rebellischste Künstlergruppe der gesamten Kunstgeschichte. Sie gingen auf die Barrikaden und machten Geschichte. Sie erduldeten private Not und beruflichen Spott und verfolgten dennoch ihre künstlerische Vision. Sie warfen alle Regelwerke weg, ....“ „Die Schwierigkeiten der Impressionisten hatten begonnen, als sie mit der allmächtigen, steif bürokratischen Pariser Académie des Beaux-Arts in Konflikt gerieten. Die Akademie, die sich auf Mythologie, religiöse Ikonografie, Geschichte oder die klassischen Moderne bezogen und einen Stil verfolgte, der das Motiv idealisierte. Derartig Vorgetäuschtes interessierte diese Gruppe junger, ehrgeiziger Maler nicht. Sie wollten ihre Ateliers verlassen und hinausgehen, um die moderne Welt ringsum zu dokumentieren. Das war ein mutiger Schritt. .... Sie veränderten die Spielregeln,....“

Ja, ein Regelbruch braucht Mut. Vor allem wenn er bewusst begangen wird, braucht es Klarheit und eine Vision der neuen Ufer, an die du gelangen kannst.

Jetzt versteh mich nicht falsch. Auch ich halte mich an wichtige Regeln. Sehr zum Leidwesen meines Mannes. So stehe ich nachts um 3 bei Nieselregen an der roten Ampel und weigere mich strikt, rüber zu gehen. Aber es gibt ein breites Feld, wo wir uns mit strengen, selbst auferlegten Regeln den eigenen Freiraum beschränken. Obwohl es nicht notwendig wäre.

„Wenn du immer alle Regeln befolgst, verpasst du den ganzen Spaß“
Katherine Hepburn

Da ist etwas dran, oder?

Vielleicht können meine Gedanken dich und mich ein Stückchen weiterbringen, die Regeln der Kunst zu hinterfragen und sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden, und nicht „weil man es immer so macht“.

Ach ja, und noch etwas: Alle, die mir freundlicherweise mit den Rechtschreibregeln beim Verfassen meiner Texte weiterhelfen, bitte ich zu verzeihen, dass ich die ein oder andere Regel im Fluss des Produzierens übersehe. Auch wenn ich da nicht immer ganz regelkonform bin, ist die Botschaft meiner Texte doch verständlich, oder?

Meine Texte sind wie ein halbes, gegrilltes Hähnchen. Iss das Fleisch und lass die Knochen auf dem Teller. Oder eine Aprikose. Den Stein isst du auch nicht mit. Pick dir heraus, was du gebrauchen kannst. Den Rest lass bitte einfach liegen. 😉

 

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen,

Angelika

 

2 Kommentare

  1. Christiane Reisert
    13. November 2019

    Wunderbarer Text! Ich bin auch so. Sobald ich zuviel Regeln aufgedrückt bekommen soll, vorallem unsinnige mach ich sofort dicht. Führt bei mir gleich zu sturer Bockigkeit 😉
    Das Leben ist groß und bunt! Und kurz.
    Man muss also unbedingt sehen, dass man soviel wie möglich an Freiheit und Spaß rausholt!
    Und einfach dem Bauch folgen (blöderweise verlernen das immer mehr Leute), deshalb wäre es gut, wenn mehr Leute anfangen würden zu malen. Das hilft da ungemein!

    In diesem Sinne: Ran an die Farben – and let it flow!

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    1. Angelika Biber
      13. November 2019

      Liebe Christiane, danke für Deinen Kommentar. Ja, auch ich versuche möglichst viel Freiheit, Spaß und FARBE in mein Leben zu bekommen 🙂 Und ich muss sagen, je älter ich werde, desto besser klappt das! Ganz liebe Grüße und viel Freude im „FLOW“

      Antworten

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