Strukturgrund vs glatter Malgrund

Welche Möglichkeiten bietet der jeweilige Untergrund?

Meine malerischen Arbeiten haben sich in den letzten Jahren permanent verändert. Darüber habe ich euch ja schon in den letzten Einträgen berichtet. Angefangen habe ich mit klassischer Aquarellmalerei, dann mit Acrylmalerei, meist von Fotovorlagen, in mehr oder weniger realistischer Darstellung. Dann kam ich durch einige Seminare zu Strukturgründen und experimentellen Techniken. Je dicker die selbstgerührte Strukturmasse aus Marmormehl, desto besser. Auch die Bitumenschüttungen versetzte ich mit viel Sand und Marmormehl, damit ein strukturierter Untergrund entstand. Rostcollagen mit viel Strukturpapier waren lange Zeit meine liebste Technik. Bis heute mag ich ab und an tief in die experimentelle Arbeitsweise mit viel Material abtauchen. Es ist schön, dass die Materialien ein Eigenleben haben und Unvorhergesehenes entsteht.

Aber manchmal habe ich mittlerweile das Gefühl, dass ein stark strukturierter Untergrund mich ausbremst. Er stoppt meinen Pinselschwung.

Auch feine Linien sind auf groben Material fast unmöglich. Da ich die zeichnerische Komponente in meine Arbeiten integriere, komme ich mehr und mehr zur reduzierten Form der Malerei zurück: Ein glatter Malgrund und nur Farbe und Pinsel, noch ein paar Stifte und eventuell eine Wasserspritze. Fertig.

Das Nachdenken über diese Veränderung hat mich zum jetzigen Blogartikel gebracht, in dem ich das Für und Wider dieser Arbeitsweisen einmal gegenüberstelle.

Denn, je nachdem, wie der Untergrund deines Malgrundes beschaffen ist, gibt es Techniken, die sich gut oder weniger eignen. Auch das Gefühl beim Malen ist ein anderes.

Beginnen wir erst einmal mit der Fläche, auf die du deine Struktur oder Farbe aufbringst.

Der Malgrund:

Verschiedene Malgründe geben dir unterschiedliche Widerstände beim Malen.

Spüre einmal wie hart, weich, schwingend, nachgiebig dein Malgrund ist. Das wird etwas mit dir und deiner Malerei machen. Setzt dir das Material viel Härte entgegen z. B. eine Mdf-Platte? Schwingt es leicht und ist nachgiebig wie z. B. eine Leinwand? Ist der Untergrund grob mit Höhen und Tiefen, wie z. B. ein Büttenpapier? Selbst ein Untergrund ohne Strukturmassen hat meist eine leichte Textur, nämlich die des Gewebes oder der aufgetragenen Grundierung. Ein grober Malgrund benötigt zudem entweder mehr Farbe auf dem Pinsel, um eine homogene Farbfläche anzulegen, oder fließende, verflüssigte Farbe. Die Grundierungen saugen teilweise unterschiedlich stark, sodass die Farbmenge ebenfalls stark variieren kann.

Hast du den Malgrund auf einer Staffelei stehen oder liegt er auf dem Tisch? Auch das macht einen Unterschied, wie es sich damit arbeiten lässt. Ich mag es, wenn das Bild auf einem stabilen Tisch oder sogar auf dem Boden liegt. So kann ich einfacher mit flüssigen Farben arbeiten. Eine Staffelei fühlt sich häufig ein bisschen instabil und wackelig an, besonders mit großen Formaten (Es liegt auch an der Art der Staffelei). Natürlich hast du damit einen besseren Betrachtungswinkel und kannst schnell mal ein paar Schritte zurücktreten. Das ist ein Vorteil. Ein guter Kompromiss ist es, den Malgrund an die Wand zu hängen. Da habe ich die Stabilität, die ich gerne mag und gleichzeitig die Möglichkeit, Distanz zwischen mir und Bild zu bringen.

 

 

Strukturgrund:

Wenn du zunächst mit der Struktur in dein Bild startest, überlässt du dem Material den Einstieg. Du bist sofort im Prozess, braucht die weiße Leinwand nicht zu fürchten, denn du legst sofort los. Gerade bei intuitiven Mal-Methoden ist das ein großer, nicht zu unterschätzender Vorteil. Das Spiel mit den Zufälligkeiten führt uns durch den Prozess und am allerschönsten werden solche Bilder, wenn du nicht zu sehr versuchst, die Eigenarten des Materials in deine Vorstellung zu pressen. Wenn du die Farbe laufen lässt, wie sie möchte, bewahren deine Bilder die Leichtigkeit des Zufalls. Zudem ist eine solche Malweise spannend, denn es ist ein Experiment und du weißt nie genau, wie sich das Bild entwickelt. Schön ist dabei auch der handwerkliche Aspekt beim Auftragen mit Spachteln und Co.

Ein Problem ist aber häufig, dass beim intuitiven freien Anlegen der Materialien später im Prozess kompositorische Probleme auftreten, zum Beispiel in der Gewichtung der Elemente. Dann kann es schwierig sein, malerisch den Ausgleich zu schaffen, denn die Struktur ist immer dominant im Bild. Du kannst auch zu einem späteren Zeitpunkt weitere strukturierte Elemente im Bild auftragen, um die Komposition zu verändern. Aber dann ist es natürlich auch wieder notwendig, diese Stellen einzuarbeiten.

Ein weitere Schwierigkeit: Bilder mit vielen starken Strukturen wirken häufig schwer und unruhig. Deswegen ist es in meinen Augen wichtig, diese stellenweise mit nur ganz feinen Strukturen zu kombinieren oder sogar einige Bereiche im Bild ganz glatt zu lassen. Das steigert außerdem die Spannung und zieht den Blick an die strukturierten Stellen.

Auch das Spiel mit feinen Linien als Kontrast erweist sich bei starken Strukturen als schwierig. Am besten sind flüssige Farben und Tusche oder Airbrushfarben einzusetzen, die mit einem Pinsel mit langer Spitze aufgetragen werden, oder mit Pipetten. Die Linien können auf diese Weise etwas Leichtigkeit ins Bild bringen.

Einen großen Vorzug hat der Strukturgrund, wenn du gerne mit flüssigen Farben arbeitest. Ein paar Tropfen verdünnte Acrylfarbe oder Tusche mit Wasser angesprüht, verläuft in den Vertiefungen deiner Struktur zu interessanten Spuren. Besonders wenn du zwei etwas voneinander abweichende Töne verwendest. Weitere Möglichkeiten sind Beizen (diese bleiben auch nach der Trocknung wasserlöslich) oder Airbrushfarben, die sehr farbintensiv sind und wasserfest trocknen. Die transparenten Flächen bleiben leicht und luftig. Auf Strukturbildern lässt sich dadurch leichter eine große Tiefenwirkung erreichen, als auf Bildern mit glatten Untergründen. Flüssige Farbe fließt immer in die Vertiefungen, feste Farbe kann du nur auf die Erhöhungen aufbringen.

Durch diese Weise kannst du auch den Zufall nutzen, um Bildthemen zu finden. Einfach weil sich durch flüssigen Flächen die Formen von selbst ergeben und diese dann nicht konstruiert wirken.

Sehr perfektionistische MalerInnen können sich durch eine starke Strukturfläche herausfordern lassen, weil genaues Arbeiten hierbei nicht möglich ist.

 

 

Glatter Untergrund

Auf glattem Malgrund steht dein eigener Pinselduktus im Vordergrund. Wenn du es nicht gewohnt bist, wird dich der erste Pinselstrich vielleicht etwas mehr Überwindung kosten. Mit diesem, im besten Falle unverwechselbaren Pinselstrich, machst du dich als MalerIn sichtbar. Du zeigst dich. Und das ist häufig dabei das Problem. Die inneren Kritiker lassen kein gutes Haar an deiner Pinselspur, an der gesetzten Form. Kaum hast du sie gesetzt, schon möchtest du sie am liebsten wieder wegwischen. Sie ist nicht perfekt genug. Das könnte dich hemmen. Wenn du diese Hürde aber überwindest, kannst du mit deiner individuellen, ausdrucksstarken Pinselspur unverwechselbare Bilder gestalten. Bilder die nicht jeder malen kann, sondern nur du mit deiner Handschrift.

Ein weiterer Vorteil ist, dass du mit den Pinselstrichen alles modellieren kannst. Du kannst mit dem Pinselstrich strukturiert und unruhig arbeiten. Du kannst ruhige Farbverläufe mit dem trockenen Pinsel erzeugen. Du kannst die Farbe sehr dick und fast reliefartig auftragen. Die verschiedensten Malwerkzeuge benutzen. Du kannst mit dem Pinselschwung malerisch Körper formen. Der Fläche eine Blickrichtung geben. Das ist bei starken Strukturgründen schwierig.

Wenn du normalerweise auf Strukturgründen malst, wird dir der glatte Untergrund vielleicht etwas zu glatt vorkommen. Dann versuche einmal, mit dem Pinsel in die verschiedenen Richtungen zu schwingen, um der Fläche etwas mehr Leben einzuhauchen.

Glatte Untergründen lassen zudem eine Mischtechnik mit Stiften zu. Linien mit Woodys, Ölkreiden oder Grafitstiften können die Malerei wunderbar vervollständigen. Auch Kratzspuren in die feuchte Farbe gesetzt kommen gut zur Geltung.

Beim Malen auf unstrukturierten Untergründen entsteht die Spannung nicht von alleine, sondern muss bewusst hinzugefügt werden. Das setzt jedoch einiges Wissen in Bezug auf Komposition und Bildaufbau voraus, damit es leicht gelingt.

 

 

Alles was dazwischen ist

Die Übergänge zwischen glatt und strukturiert sind häufig fließend. Wenn du die Farbe dick und pastos auf dem glatten Malgrund aufträgst, hast du nach dem Trocknen schon eine leicht reliefartige Oberfläche. Mit dieser kannst du dann so weiterarbeiten, wie mit einem direkt angelegten Strukturgrund. Das heißt flüssige Farbe darüber laufen lassen, die sich in den Vertiefungen sammelt oder die Erhöhung mit dem flachen Pinsel und mit wenig Farbe bemalen. Je mehr Schichten Acrylfarbe auf die Leinwand kommen, desto strukturierter werden auch die glatten Untergründe.

Mit Werkzeugen wie Shaper oder Walzen kannst du mit Farbe Strukturen entstehen lassen. Auch hier spielt die Menge der Farbe eine Rolle, wie erhaben die Strukturen sind.

Feine, stellenweise aufgeklebte Papiere sind ebenfalls eine Möglichkeit, zarte Texturen aufzubringen, die den Untergrund ähnlich beleben wie eine Spachtelmasse. Auf diesen Texturen kannst du dennoch arbeiten wie auf einem glatten Untergrund.

 

 

Wie sieht deine Arbeitsweise aus?

Malst du lieber mit viel Material oder auf glattem Untergrund? Beides hat seinen Reiz, ich habe versucht dir die jeweiligen Vorzüge und Nachteile aufzuzeigen. Schau dir doch vielleicht auch mal die jeweils andere Methode an, um dich für weitere Arbeitsweisen zu öffnen und ein bisschen aus der Komfortzone zu bringen. Spätestens wenn du in deiner Entwicklung mal festhängst, ist es eine gute Idee, bewusst einen anderen Untergrund zu wählen. Es kann ja manchmal nicht schaden, neue Möglichkeiten zu erkunden, oder? Wer weiß, welche Prozesse damit in Gang gesetzt werden und welche Abenteuer die Malerei dann für dich bringt.

Viel Freude bei allen Experimenten,

lass Farbe fließen,

Angelika

6 Kommentare

  1. Christopher Seidel
    29. April 2021

    Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

    Antworten
    1. Angelika Biber
      29. April 2021

      Hallo Christopher, danke dir für das positive Feedback. Das freut mich sehr 🙂
      Ich wünsche dir noch viel Spaß beim Lesen, ich hoffe ist noch etwas Inspirierendes für dich dabei…
      Lieben Gruß, Angelika

      Antworten
  2. Heidrun Preuß
    9. Mai 2021

    Vielen, vielen Dank für diesen Artikel, auch für die bereits gelesenen und die, die ich noch lesen werde… gehöre ich doch zu denen, die sich vor jedem ersten Strich auf der leeren Fläche fürchten. Zurzeit bin ich etwas verhindert zu malen, sobald ich wieder kann, nehme ich mir den Text nochmal vor und werde beherzt loslegen. Heidrun Preuß

    Antworten
    1. Angelika Biber
      10. Mai 2021

      Hallo liebe Heidrun, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich wünsche dir, dass du bald wieder den Freiraum hast und dich mutig in den Prozess begibst. Erfreue dich am Tun, dann werden die Ergebnisse das auch widerspiegeln.

      Liebe Grüße, Angelika

      Antworten
  3. Bruni Schernus
    12. Mai 2021

    Hallo liebe Angelika,
    wie schön, einen neuen Blogartikel von dir zu lesen. Das Thema ist großartig.
    Wie du weißt, liebe ich Struktur und geh da auch recht unbefangen oder gar übermotiviert ran und stoße an meine Grenzen . Dann landet eine Leinwand schon mal in der Ecke. Bisher habe ich die Kurve immer noch gekriegt. Helfen kann eine neue Strukturschicht oder eine neue Farbwahl … irgendwann zeigt das Bild sein eigenes Thema. Das finde ich super spannend und das Ergebnis oft überraschend, weil ich mit einer ganz anderen Idee ran gegangen bin
    In letzter Zeit male ich aber auch immer mal wieder ganz ohne Struktur. Ich habe ebenfalls mit Aquarellmalerei und dem Malen mit Pastellkreide angefangen.
    Dein Videokurs „Spiel mit der Linie“ in dem du tolle Anregungen gibst, hat mich inspiriert, diese Materialien wieder öfter einzusetzen. Das liegt mir auch nach wie vor. Eine größere Herausforderung ist für mich das Malen mit Acrylfarbe ohne Struktur. Wie du es so treffend beschreibst, muss ich aufpassen, nicht das gerade Gesetzte gleich wieder weg zu wischen und es erscheint mir bei meinen Bildern oft zu plakativ. Trotzdem macht es Spaß und daher werde ich es weiter probieren.
    Danke für deine Motivation. Ich hoffe, dass bald auch wieder Workshops in deinem Atelier möglich sind. Ich freu mich auf die neuen Anregungen, die schöne Gemeinschaft und Stimmung!
    Liebe Grüße, einen schönen Feiertag und hoffentlich bis bald
    Bruni

    Antworten
    1. Angelika Biber
      13. Mai 2021

      Liebe Bruni, sehr gerne 🙂 Ich hab beim Schreiben dieses Artikel unter anderem an dich gedacht und wie gerne du Strukturen magst. Ist ja auch nichts gegen einzuwenden 😉 du löst das ja bestens. Schön ist, dass du offen bist für andere Techniken. Ich denke, sie bereichern sich garantiert. Entwicklung geht immer weiter, das ist toll!
      Bis hoffentlich bald, live und mit viel Farbe,
      Liebe Grüße, Angelika

      Antworten

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