Der Komplementär-Kontrast

Oder: Roter Fleck in grünem Bild

„Der Komplementärkontrast geht immer“,  so höre ich oft im Gespräch mit meinen Teilnehmern. Spätestens seit den Impressionisten ist klar, welche Kraft dieser Farbkontrast hat. Wer kennt nicht Van Goghs Spiel mit den Farben, in vielen seinen Bildern können wir diesen Kontrast gut beobachten. Nervöse Pinselstriche, bei den Pointilisten Farbtupfen, mischen sich so zu neuen Farbtönen. Im Expressionismus wird mit diesem Kontrast sogar ganz flächig gearbeitet. Franz Marcs „Blauschwarzer Fuchs“, an dem die Wirkung der violetten Farbe auf gelben Hintergrund gut zu erkennen ist, ist ein weiteres Beispiel.

Was ist der Komplementär-Kontrast?

Zum Verständnis: Farben, die auf dem Farbkreis gegenüber liegen, werden als Komplementärkontraste bezeichnet. Also die Farben Grün-Rot, Blau-Orange, Violett-Gelb. Diese steigern sich gegenseitig in ihrer Wirkung, wenn sie nebeneinander aufgetragen werden. Die Farbigkeit im Bild wirkt intensiver und leuchtender.

Der Komplementär-Konstrast steigert die Farbgebung

 

Häufig ist der Griff zur roten Farbe im grünen Bild aber auch der Versuch, in eine wenig spannende Komposition mehr Spannung hinein zu bringen. Sozusagen als letzte Möglichkeit, die Komposition rauszureißen. Natürlich funktioniert es, denn diese bisher nicht im Bild vorkommende Farbe zieht förmlich den Blick an und bildet den Fokus. Somit ist durch diesen Kontrast definitiv die Spannung gesteigert. Soweit so gut. Ziel erreicht, oder?

Dabei wirkt der gesetzte rote Farbfleck aber vielleicht zu plakativ, zu aufgesetzt, irgendwie fremd. Das an der Wirkung dieser Farben, aber auch an der Tatsache, dass diese Spuren als letztes aufgesetzt werden. Sie sind also auch ganz praktisch „aufgesetzt“ und verbinden sich optisch nicht mit dem Hintergrund. Was tun?

Verschiedene Komplementär-Kontraste beleben die Gestaltung

Ich verwende gerne mehrere komplementäre Farbkontraste, jedoch in unterschiedlichen Mengen. Zum Bespiel einen Hauptklang (Grün-Rot) und eine kleine Menge Orange und Blau. Das zweite Kontrastpaar ist untergeordnet. So erreiche ich einen komplexeren Farbklang und die verschiedenen Nuancen sorgen dafür, dass die Farbe nicht aufgesetzt wirkt. Und weil das erste Kontrastpaar die farbliche Klammer bildet, werden die Bilder auch nie „bunt“ wirken, denn die anderen Farbtöne sind in geringerer Menge zu sehen.

Manchmal genügt auch schon, die verwendeten Farben ein wenig mehr in Richtung der Komplementärfarbe zu ziehen. Zum Beispiel nehme ich zu Violett statt Gelb gerne ein helles Grün mit viel Gelbanteil. Schon damit kann ich die Farbgebung steigern.

Manchmal genügt es schon, den Farbton in Richtung Komplementärfarbe zu mischen.

Eintrübung durch die Komplementärfarben

Werden die Komplementärfarben allerdings miteinander vermischt, so wird die Farbigkeit gebrochen, d.h. trüb und bräunlich. Wenn ihr also leuchtende Farbgebungen mögt, solltet ihr niemals diese Farben miteinander verziehen. Auch dünne Lasuren übereinander in den Komplementärfarben brechen die Farbgebung und lassen den Farbklang schmutzig aussehen. Wenn ihr jedoch ausmachte Fans von trüben, gebrochenen Farbgebungen seid, nur zu  Gebt ihr zu diesen gebrochenen Tönen noch einen kräftigen Schuss Titanweiß, so könnt ihr wunderbar farbige Grautöne mischen. Dies sehen lebendig und fein nuanciert aus. Es kommt eben immer darauf an, was du erreichen möchtest.

 

Weitere Kontraste in Kombination

Bei der Verwendung des Komplementärkontrastes spielen allerdings auch die anderen Farbkontraste eine Rolle. Wie oben erwähnt, verwende ich gerne unterschiedliche Anteile, also verschiedene Mengen der einzelnen Farben. Somit gibt es noch einen weiteren Kontrast im Bild: Den Quantitätskontrast. Wenn ich nun noch den Hell/Dunkelkontrast einbaue, also verstärkt mit den Tonwerten der Farbtöne spiele, dann ist der Komplementärkontrast nicht mehr die allerletzte Rettung, sondern eine weitere Steigerung eines ohnehin interessanten Bildaufbaus.

Es gibt allerdings genügend Beispiele in der Kunst, in der ganz bewusst auf diese Kontraste verzichtet wird und die dennoch spannungsvolle Gestaltungen zeigen. Dann übernehmen meist andere Kontrastpaare (Gegensatzpaare) die Aufgabe, Spannung ins Bild zu bringen. Vielleicht möchtest du auch gar nicht so viel Spannung, sondern eher ruhige, sanfte und stille Bildinhalte. Auch das kann eine bewusste Entscheidung sein, ganz auf starke Kontraste zu verzichten.

Am wirkungsvollsten zeigt sich in meinen Augen der Komplementärkontrast, wenn ich außerdem mit verschiedenen Qualitäten der Farben arbeite. Das bedeutet, dass ich sowohl reine, leuchtente Farben als auch gebrochene Farbtöne in einem Bild auftrage.

Mehr zu Farbkontrasten

In meinem Video-Kurs „Farbe Farbe Farbe“ zeige ich dir mehr zu diesen Farbkontrasten und welche Wirkung du damit im Bild erreichst.

Auch wird es im nächsten Jahr wieder einen Kurs "Farbe intensiv" im Atelier geben, hier werden wir ganz tief in das Thema Farbgebung eintauchen.

Der Komplementärkontrast ist auf jeden Fall eine schöne Möglichkeit von vielen, die du hast, interessante Bilder zu gestalten und es ist spannend, damit zu experimentieren. Ich hoffe, ich konnte dich mit dieser Ausführung ermutigen, es einmal zu versuchen, dein gewohntes Farbschema zu verlassen und Neues zu wagen.

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen

Angelika

 

 

 

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