Farbe, Farbe, Farbe

Geht es euch auch so: Beim Anblick einer schön sortierten Ansammlung Acrylfarben im Kunstbedarfshandel geht Euch das Herz auf? Eine Kiste mit Farbstiften oder Kreiden in allen Farbtönen beschleunigt euren Herzschlag? Die erdigen Schattierungen der Ockerbrüche im französischen Roussillion versetzen euch in einen Farbrausch? Besondere abendliche Himmelstimmungen lassen euch ins Schwärmen geraten? Ein wundervolles Set mit Pigmenten setzen ein Kopfkino in Gang, was ihr damit alles so malen könntet? Klarer Fall: Ihr seid wie ich vom Farbvirus infiziert. Manchmal möchte ich diese besonderen Materialien einfach nur besitzen und hüten wie meinen Augapfel. Zum Bespiel die XL-Box der wasservermalbaren Ölkreiden, die ich nur anschauen und nicht benutzen wollte, weil sie so teuer waren. Oder die Holzbox mit den Pigmentgläschen direkt in Südfrankreich gekauft, um die wunderschöne Farbigkeit von dort mit nach Hause zu nehmen.

 

Ich nehme an, dein Herz schlägt auch für die Farbe, sonst wärest du ja nicht hier bei diesem Artikel gelandet.

Heute möchte ich Farbe aber mal unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachten.

 

Farbwahrnehmung

Physiologisch betrachtet ist Farbe die Aufnahme von Reizen der Zapfensysteme des Auges. Diese Reize werden erst in Gegenfarben umgewandelt. Im Gehirn werden diese Erregungsmuster dann als Farben interpretiert.

Psychologisch gesehen ist Farbe aber nicht nur die Verarbeitung äußerer Sinnesreize der Netzhaut bzw. Gehirnfunktion, sondern kann auch als Produkt des Unterbewusstseins (Nervensystem) sowie als gespeicherte Information betrachtet werden.

Quelle: Bildsprache 1, Kerner und Duroy, S. 112

Schon seit Jahrhunderten versuchen Wissenschaftler das Phänomen des Farbsehens zu ergründen und zu analysieren. Die Forschungen von Isaac Newton (1643-1727) bilden die Grundlagen für unser heutiges Farbverständnis. Der englische Arzt Thomas Young (1773 – 18299 erkannte als erster, dass Farbe eine Empfindung ist.

Quelle: Bildsprache 1, Kerner und Duroy

 

Farbsysteme

Ansätze, die Farben in Systeme zu ordnen, gab es schon in der Antike.

Der Dichter (und Naturwissenschaftler) Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) hat sich ebenfalls mit lange Zeit mit dem Phänomen Farbe beschäftigt. Er befasste sich unter anderem auch mit der „sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben. So stufte er gelb in die Kategorie „Ernst/Würde, warm“ als heiter und munter ein oder blau in die Kategorie Huld/Anmut, dunkel als zurückweichend, angenehm und leer.

Johannes Itten (1888 -1967) war als Meister am Bauhaus tätig und seine Theorie von den 7 Farbkontrasten wird bis heute gelehrt.

Ein anderes Farbkonzept entwickelte Harald Küppers (geb. 1926). Es war der Auffassung, dass in Ittens Farbkreis die als Grundfarbe bezeichneten Farbtöne gar nicht wirklich Grundfarben sind, sondern Mischtöne. Ich bin übrigens ebenfalls der Ansicht. Aus den Grundfarben Primärcyan, Primärgelb und Primär Magenta lassen sich alle weiteren Töne mischen. Aus Ittens Grundton Rot nicht, da diese Farbe aus Gelb und Magenta besteht.

Quelle: Duden Kunst – Basiswissen Schule

Die Grundfarben Primär-Magenta, Primär-Cyan und Primär-Gelb

 

In den vergangenen Jahrhunderten hatte die Farbe aber häufig einen zusätzlich symbolischen Wert. Diese Symbolik kann in anderen Kulturkreisen aber eine gänzlich andere Bedeutung haben und anders aufgefasst werden. Über die Zeit haben sich die Bedeutungen auch gewandelt: Rot wurde z.B. im Mittelalter als Farbe des Teufels gesehen und Grün war die Farbe der Liebe.

 

Die Wirkung und die Symbolische Bedeutung der Farben:

Quelle: Duden Kunst – Basiswissen Schule

Gelb wirkt warm, heiter, extrovertiert und die Symbolische Bedeutung kann sowohl Freundlichkeit und Optimismus aber auch Leichtsinn, Neid und Eifersucht sein.

Orange wirkt exotisch, lebhaft und aktiv und steht für Freude, Lebhaftigkeit und Spaß.

Rot wirkt stark erregend, kraftvoll und bisweilen exzentrisch und symbolisiert Kraft, Leidenschaft, Liebe aber auch Aggressivität und Feuer.

Violett wirkt introvertiert, extravagant, melancholisch und steht häufig für Macht, Theologie aber auch Eitelkeit oder Verzicht.

Blau wirkt beruhigend, ernsthaft, sehnsüchtig, kalt und fern. Es steht für Harmonie, Sauberkeit, Ruhe und Passivität und Frieden.

Grün wirkt beruhigend, frisch, natürlich, heiter und jung. Die symbolische Bedeutung ist Frische , Entspannung, Hoffnung, Natur aber auch Unreife.

Weiß wirkt rein, leer, leicht und manchmal steril und steht für Reinheit, Ordnung, Leichtigkeit und Unschuld.

Schwarz wirkt pessimistisch und traurig aber auch geheimnisvoll, feierlich und ernst. Es steht für Trauer, Ende, Hass und Unglück

 

Das Wie

Die verschiedenen Kunststile in der Malerei zeichnen sich durch ihren sehr speziellen und zum Teil bahnbrechenden Umgang mit Farben aus.

So ist im Impressionismus der flüchtige und schnell veränderliche Eindruck des Augenblicks malerisch festgehalten. Das Licht des Moments und die dadurch entstehenden Farben werden in flüchtigen und zum Teil flirrenden Pinselstrichen und mit lebendigem Duktus zusammengefügt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird im Expressionismus der farbliche Ausdruck malerisch gesteigert. Die Formen werden vereinfacht, zum Teil schon fast flächig aufgebracht. Starke reine und kontrastreiche Farben werden zum absoluten Ausdruck der Emotionen. Dabei wird die Farbe losgelöst von der naturalistischen Wiedergabe verwendet und soll eine suggestive Wirkung hervorrufen.

 

Farbe als Material

Zunächst nur als Anstrich- und Lackiermaterial der Industrie verwendet wird Acrylfarbe seit Mitte der 50er Jahre von Künstlern als vielseitiges Material genutzt.

Bis heute übt die Acrylfarbe einen besonderen Reiz aus, denn die Ausdrucksformen können so vielfältig sein wie bei kaum einem anderen Malmaterial.

Wie ist die Farbfläche gesetzt, mit Pinselduktus? Form- und Kontrastreich oder mit weichem Übergang?
Mit Struktur(-materialien) und reliefartig pastos? Oder transparent leicht und durchscheinend?

Dies hat Auswirkungen auf den Ausdruck in Bezug auf die Stimmung oder kann so eingesetzt werden, um eine Farb- oder Luftperspektive zu erzeugen (reine, leuchtende warme Farben werden dem Vordergrund zugeordnet, alles was hinten liegt ist bläulich, gräulich, heller). Auch die Malwerkzeuge sind wichtig für den spezifischen, individuellen Ausdruck im Bild.

 

Zum Schluss noch zwei Beispiele, die veranschaulichen, wie die Wahl der Farbtöne dem Bild eine komplett andere Aussage verleihen.

Will Grompertz schildert in seinem Buch „Denken wie ein Künstler“ wie im Jahr 1901 der niedergeschlagene und melancholische Picasso begann, seine Bilder in einen geheimnisvollen blauen Farbklang zu tauchen und dadurch die Stimmung seiner Bilder in Richtung sentimental verschob. Zum einen passte dies nun optimal zu seiner Gefühlslage, zum anderen war dies der Beginn seiner „Blauen Periode“ die ihn als „Picasso“ bekannt machte und den Durchbruch brachte.

In der Zeitschrift „einfach.sein“ Ausgabe 4-18 ist ein wunderbarer Artikel ganz der Farbe Blau gewidmet. In „53 Shades of Blue“ geht es unter anderem um die Versuche, das Blau des Himmels messbar zu machen, aber auch welche Gefühlswelten sich hinter der Farbe verbergen. „Im Blau steckt grenzenlose Sehnsucht“ steht dort. Um die Wirkung der Farbe Blau (im Vergleich zu Rot) geht es auch dem Künstler Andy Warhol, so in einfach.sein zu lesen. Durch die Farbwahl des Untergrundes liesse er ein und dasselbe Frauenportrait völlig unterschiedlich wirken. Auf dem roten Untergrund wirke die Frau dynamisch/selbstbewusst, auf einem blauen Grund jedoch träumerisch/sehnsüchtig/ernsthaft. Im prozessorientierten Arbeiten bedeutet dies für uns, auch mal innezuhalten und zu sehen, WIE die spontan gewählten Farben wirken.

Material als Solches, Sinneswahrnehmung oder symbolträchtiges Medium. Egal. Neben all den theoretischen Ansätzen haucht Farbe der künstlerischen Arbeit Leben ein und ist ganz praktisch für jeden Künstler ein Transportmittel der eigenen Handschrift. Die Möglichkeiten und Farbkombinationen sind unerschöpflich. Wie wäre es, einmal die alten Pfade zu verlassen und farblich Neues zu wagen, um zu beobachten, wie sich dadurch der Ausdruck im Bild verändert? So bleibt Malerei ein Abenteuer, das immer wieder aufs neue fasziniert.

Viel Freude bei allen Experimenten, lass Farbe fließen,

Angelika

2 Kommentare

  1. Marie-Luise Brock
    15. Juni 2019

    Liebe Angelika,
    es ist eine Wohltat deine Beiträge zum Thema Malerei zu lesen, vor allem auch die
    Hintergründe, das Wissen und deine Interpretation zu vorhandenen Theorien zu lesen. Sehr interessant und vor allem deine Herangehensweise an die Leinwand, an die Farbe, an die Probleme, die sich bei jedem irgendwann auftun. Ich denke an Farbwahl, Themenfindung, eigener Ausdruck…
    Bitte weiter so und v i e l e n Dank.
    Gruß
    Marie-Luise

    Antworten
    1. Angelika Biber
      15. Juni 2019

      Liebe Marie-Luise, danke sehr für Deine Nachricht. Ich freue mich immer wieder, wenn meine Themen weiterhelfen neue Sichtweisen anzustoßen.
      Bis bald, lieb Grüße
      Angelika

      Antworten

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