Der Duktus: Was ist das und wofür soll der gut sein?

In meinem fortlaufenden Atelierkurs am Montagmorgen suchen wir uns immer gemeinsame Themen, mit denen wir uns intensiv auseinander setzen. Das können abstrakte Inhalte sein, aber auch Gegenständliches, das jeder in seiner ganz eigenen Art und Weise umsetzt.

Zwischendurch gibt es immer wieder Übungen, um neue Impulse zu geben, die Wahrnehmung zu schulen und neue Prozesse anzustoßen (Ja, kommt die Kunstpädagogin ins Spiel, ich geb’s zu, ich kann halt nicht aus meiner HautJ)

Heute morgen beschäftigten wir uns mit dem Duktus der eigenen Malerei und welche Möglichkeiten wir dadurch bekommen, die Malerei zu verändern. Dabei ist mir nochmals klar geworden, wie wichtig der eigene Duktus für den Ausdruck und auch die Stimmung im Bild ist.

Was ist denn überhaupt ein Duktus?

Der Begriff wird in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Neben dem Duktus des Sprech- oder Schreibstils, also der charakteristischen Art sich in Wort und Schrift auszudrücken sprechen wir in der Malerei von dem Pinsel- oder Linienduktus. Damit ist die spezifischer Pinselspur eines jeden Malers, jeder Malerin gemeint, also der speziellen Strichführung des Bildes. Laut Wikipedia ist die Pinselspur ist die Struktur, die der Pinsel beim Malen auf der Bildoberfläche hinterlässt.

Waagerechter Duktus - Starke Struktur durch Art des Farbauftrages

Anhand dieser Pinselspur ist für den Kunsthistoriker auch ohne Signatur erkennbar, aus welcher Epoche oder sogar von wem das Bild stammt.

Zum Beispiel prägen im Impressionismus häufig sehr kurze Pinselstriche den Duktus, bei Van Gogh folgen diese zudem noch einem spezifischen Rhythmus. Der Expressionismus steht für malerische Spontaneität und einen gestischen, impulsiven Duktus.

Synonyme für „Duktus“ können Merkmal, Kennzeichen, Charakter, Eigenschaft, Stil, Wesen und Eigenheit sein, also alles, was für Individualität und Unverwechselbarkeit steht. Der Duktus ist also wichtig für deinen persönlichen Ausdruck und Wiedererkennungswert. Soweit schon mal klar. Aber hast du dir schon mal Gedanken über deinen eigenen Duktus gemacht? Jeder kennt es wenn am Anfang  der „Malkarriere“ der Pinsel nur in einer Richtung geführt wird, egal ob es zum Motiv passt oder nicht. Manche Bilder sehen dann eigentümlich und wie „angestrichen“ aus. Oder der Duktus insgesamt sehr unruhig und das Bild wirkt zu unsortiert.

Mach dir deine eigene Pinselführung einmal bewusst. Transportiert dein Duktus deine Bildaussage, also das, worum es dir im Bild geht?

Und wie kann du mit dem Duktus spielen? Wie kannst du den eigenen Duktus bewusst einsetzen?

Entscheidend ist unter anderem, welches Malwerkzeug, welches Zeichengerät oder welchen Stift du benutzt. Ein Flachpinsel erzeugt andere Striche als ein Rundpinsel, eine Fläche gemalt mit einem Pinsel mit langen Borsten wirkt anders als die Fläche durch einen Pinsel mit kurzen Borsten erzeugt.

Kein Duktus – Weicher, wolkiger und ruhiger Farbauftrag

Jedes Werkzeug hinterlässt schon eine spezielle, eigene Spur. Und dein Zutun verändert diese Spur nochmals, denn es ist ein Unterschied, ob der Pinsel schnell oder langsam oder mit viel oder wenig Druck geführt wurde. Experimentiere auch einmal mit unterschiedlichen Farbmengen. Wie durchlässig wirken die Farbflächen, wenn du nur wenig Farbe verwendest? Sehen die Pinselstriche dann satt oder eher borstig aufgelöst aus? Die Menge der Farbe ist wichtig für die Dichte des Farbauftrages, also ob du pastos arbeitest und alle unteren Schichten abdeckst oder durchlässig malst.

Mit dem Duktus kann du außerdem die Blickrichtung bestimmen, in der die Farbflächen geordnet sind. Senkrechte Pinselstriche wirken z.B. statischer und ruhiger, diagonale Pinselstriche dynamischer, aber auch unruhiger. Die mit vielen Pinselspuren strukturierten Flächen sind dominanter im Bild, d.h. sie kommen mehr in den Blick als ruhige Farbaufträge ohne nennenswerten Duktus. Möchtest du eine ruhige Anmutung im Bild, dann reduziere den Duktus und arbeite die Flächen weicher. Ist dein Bild zu ruhig und langweilig? Neben weiteren Farbtönen oder der Erhöhung der Kontraste kannst du mit der Pinselführung experimentieren und die Flächen dadurch lebendiger wirken lassen. Auch kannst du durch eine Ordnung der Striche in eine bestimmte Richtung und auch den Blick dorthin lenken.

Wenig Duktus - Sichtbare Striche lenken den Blick

Einen Körper wie z.B. eine Kugel umschreibst du mit den Pinselspuren, um das Objekt tatsächlich plastisch wirken zu lassen. Die Pinselstriche sind eher kurz und gebogen. Und wenn du jetzt noch unterschiedliche Tonwerte benutzt, unterstützt du damit zusätzlich die Objekte dreidimensional wirken zu lassen.

Die rundlichen Formen des menschlichen Körpers können gut mit kurzen, gebogenen Pinselspuren dargestellt werden, während z.B. Arme und Beine eher längere Striche benötigen.

Aber nicht nur die Struktur der Fläche ergibt sich durch den Duktus, nein auch die äußere Begrenzung oder Form ergibt sich dadurch. Wenn du z.B. dynamisch und schnell arbeitest mit einem Pinselduktus, dann wird die äußere Kontur der Fläche auch spannend, weil unkontrolliert sein.

Geschwindigkeit erzeugt viel Duktus und eine spannende äußere Form
© Foto: Markus Jung

Auch jedes Zeichenmaterial macht eine spezifische Spur und auch hier ist dein Duktus absolut notwendig, um ausdrucksstärker zu arbeiten. Eine einfache Methode ihn zu variieren ist, mal mit viel Druck und mit weniger Druck zu arbeiten. So ist die Zeichenspur sanfter oder kräftiger, je nach dem und wirkt dadurch sofort interessanter.

Für manche Maler/innen ist jedoch zu viel Duktus unerwünscht, da die Wirkung etwas unordentlich, unsortiert und unkontrolliert sein kann. Vielleicht ergeben sich dadurch auch Formen, die ungewohnt sind, mit denen wir uns schwer anfreunden können oder die wir als nicht schön empfinden. Aber manchmal tut es der Malerei sehr gut, die Kontrolle abzugeben und dynamischer zu arbeiten.

Wichtiger als die perfekte Malerei ist in meinen Augen der Ausdruck des eigenen Strichs, denn letztendlich transportierst du deine Persönlichkeit und deinen Rhythmus damit. Und nur so kannst Du individuelle, unverwechselbare Arbeiten mit Wiedererkennungswert schaffen.

 

Viel Freude bei allen Experimenten,

lass Farbe fließen,

Angelika

 

 

 

 

 

 

 

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